Graue Schnauzen - Leben mit alten Hunden

Es stellen sich ein paar Wehwehchen ein, und er wird ein bisschen schrullig, wenn er in die Jahre kommt. Doch gerade seine Macken machen einen alten Hund liebenswert.

Das Verhältnis zu unserem ältesten und liebsten Haustier, dem Hund, ist rundum bereichernd und erfüllend. Die einzigen Wermutstropfen in dieser Beziehung sind die unterschiedlichen Lebenserwartungen. Das Leben eines Hundes währt etwa zwölf Jahre (mit Extremen wie nur acht oder gar 18 Jahren). So betrachtet sind einem Durchschnittsmenschen sechs bis sieben Hundeleben vergönnt.

Der Anfang
Ein Welpe ist bei der Geburt noch blind und unbeholfen. Seine Beine vermögen ihn kaum zu tragen. Lediglich robbend kann er sich dem mütterlichen Gesäuge nähern.

Kommt er zehn bis zwölf Wochen später in unseren Haushalt, hat er sein Gewicht vervielfacht. Er ist zwar noch recht tapsig, doch schon ziemlich selbstständig, aufgeweckt und verspielt. Fortan werden wir Zeuge seiner rasanten Entwicklung: Mit fünf Monaten beginnen die spitzen Milchzähnchen auszufallen, die beim Spiel für die unzähligen Schrammen und Ratscher an unserer Händen und Armen gesorgt haben.

Zwei Monate später ist der Zahnwechsel abgeschlossen. Etwa zu dieser Zeit werden die Junghunde bereits geschlechtsreif. Die Hündinnen werden das erste Mal heiß, und die Rüden üben, das Beinchen zu heben. Mit zwei Jahren sind sie dann richtig erwachsen.

Der Körper ist voll entwickelt und die konsequente Erziehung zeigt ihre Wirkung. Kurz-, Draht- und Langhaar beweisen ihr Können auf der Jagd. Deutscher Schäferhund und Rottweiler treten ihren behördlichen Schutzdienst an. Border Collies und Australian Shepherds sind im täglichen Hüteeinsatz bei den Schafen und Rindern. Alle anderen haben ihre endliche Position im Familiengefüge gefunden, ob als sportlicher Begleiter beim Jogging im Wald, als unermüdlicher Anreger für den gesunden Gang im Grünen, als geduldiger Zuhörer beim Bummel um den Block oder als Schmusetier auf dem heimischen Sofa.

Dicke Freunde
Jahr für Jahr wird die Beziehung intensiver, man wird immer vertrauter, lernt sich mit seinen Stärken und Schwächen immer besser kennen. Die Körpersprache wird unmissverständlich, die Launen werden toleriert und die Macken werden selbstverständlich. Dieses gilt für beide Seiten, für den Herrn wie für den Hund. Am liebsten wäre es uns, dies würde ewig so bleiben.

Doch wir müssen die leidige Erfahrung machen, dass sich das Lebensrad des Hundes schneller dreht als unseres. Mit etwa sieben Jahren zeigen sich die ersten Alterserscheinungen. Die Haare werden an seinem Schnäuzchen grau wie an unseren Schläfen. Mit zunehmen dem Alter verliert die Muskulatur an Masse, das Bindegewe seine Festigkeit und die Haut die Straffheit. Dadurch wirkt der Körper und besonders der Kopf eckiger und markanter, Aussehen zunehmend eindrucksvoller. Jetzt bekommt der Hund sein ganz persönliches Gepräge, seinen individueller Charakter. Das ist bei uns nicht viel anders.

Auch beim Hund ändert sich der Lebenswandel

Hören und Sehen
Bei Mensch und Hund ebenso vergleichbar sind die Sinne. Sie werden im Laufe der Jahre schwächer. Meist beginnt es bei den Augen. Uns als Augenwesen beeinträchtigt die Minderung des Sehvermögens. Für Waldi als Nasentier bedeutet sie jedoch keine besondere Einschränkung der Lebensqualität. So bleibt seine Sehschwäche häufig von uns unbemerkt.

Die etwas später einsetzende Schwerhörigkeit registrieren wir sehr viel eher. Schließlich kommunizieren wir vornehmlich mit der Stimme, nicht nur mit unseren Mitmenschen, sondern auch mit unseren Hunden.

Allerdings kommen uns oft Zweifel, ob das Hörvermögen unseres Vierbeiners wirklich schlechter wird oder eher selektiver: Lautes Rufen, schrilles Pfeifen oder intensives Klatschen führen zu keinerlei wahrnehmbaren Reaktionen bei unserem aufmerksamen Haus- und Hofwächter früherer Jahre. Sobald jedoch die Kühlschranktür klappt oder ein Schokoladenpapier raschelt, ist er sofort hellwach an unserer Seite, obwohl er sich gerade noch im scheinbaren Tiefschlaf befand ...

Schrullig
Hören und Sehen dürfen vergehen. Sehr viel schlimmer aber wäre der Verlust des Riechvermögens. Für den Hund wäre das gleichbedeutend mit einer Taubblindheit bei uns Menschen Vielleicht muss man im fortgeschrittenen Alter gar nicht m alles hören, sehen oder riechen.

Etwas weniger Einfluss vor außen führt zu einer größeren Gelassenheit im Inneren. Die sich über die Jahre entwickelnde Ausgeglichenheit macht den Umgang mit dem älteren Hausgenosssen sehr angenehm, geradezu bereichernd. Man lernt, ohne dass es schwerfällt, der Eigenwilligkeit der Senioren umzugehen.

Nicht selten wird ein in die Jahre gekommener Hund schrullig: Er verlässt da Haus ausschließlich über die Vordertür, besteht aber darauf nur über die Hintertür hereinzukommen. Das Futter muss stets an der gleichen Stelle, unbedingt zur gleichen Zeit und immer im selben Napf gereicht werden. Die Decke im Körbchen wird auf besondere, oft eigenartige Weise gerichtet, bevor man sich zur Ruhe begibt. Manche Hunde finden nur dann in den Schlaf, wenn sie zuvor sorgfältig zugedeckt werden. Jeder Besitzer weiß von solchen Grillen und Macken seines alternden Lieblings zu berichten.

Wenn auch die Sinne mit den Jahren leiden, bleiben die Triebe erhalten. Rüden verlieren nie das Interesse am anderen Geschlecht und ein Klimakterium gibt es bei der Hündin nicht. Sie kennt keine Wechseljahre. Bis an ihr Lebensende muss man zweimal jährlich mit ihrer Hitze rechnen. Dabei wird ihr weiblicher Einfallsreichtum immer raffinierter, um einen genehmen Partner zu finden. Auch eine Trächtigkeit lässt die ungezügelte Natur dann zu. Hier gehört eine vernünftige Kontrolle zu unseren Aufgaben. Nicht alles, was biologisch möglich ist, muss man ermöglichen.

Kost für Hunde-Senioren
Als Verantwortliche können wir einiges für unsere langjährigen Gefährten tun. Im Alter ändert sich auch beim Hund der Lebenswandel. Die körperlichen Aktivitäten werden weniger, die Schlaf- und Ruhephasen länger und damit die Investitionen für den Aufbau und Umbau der Körpersubstanzen geringer. Der Bedarf an Eiweiß, Kohlehydraten und Mineralien ist in der Seniorenklasse geringer.

Wir müssen Obacht geben, dass die Figur unseres Hundes nicht zu sehr aus dem Rahmen fällt. Dazu müssen wir die tägliche Futterration genau zuteilen und dabei eher unserem kritischen Auge vertrauen als den Mengenangaben auf dem Futterbeutel. Die handelsüblichen Fertigprodukte enthalten ausgewogen im Großen und Ganzen alles Hundenotwendige.

Allerdings darf es mit zunehmendem Alter ein bisschen mehr an Vitamin A und Vitamin E sein, wie es in Möhren und in Weizenkeimöl reichlich vorhanden ist. Zur Schonung der Nieren und der Leber ist es ratsam, mit Natrium und Phosphor im Menü sparsam zu sein.

Geistige Anregungen sind für Senioren wie ein Lebenselixier, lernt jeder Altenpfleger im ersten Lehrjahr. Sie sind auch für den Hund erquickend. Für berufstätige Hunde ist für ständige Abwechslung bei ihren vielfältigen Aufgaben als Jagdgehilfe, Hütehelfer oder Schutzdienstler gesorgt.

Beim Durchschnittshaushaltshund wie dem unsrigen müssen wir für die Inspirationen sorgen: Hin und wieder einen anderen Weg beim Gassigehen einschlagen, gewohnte Übungen auch einmal variieren und seinen Spieltrieb immer wieder wecken, reicht oft aus - wohl wissend, dass man im Alter seine festen Gewohnheiten hat und eingeschliffene Rituale schätzt.

In die Jahre gekommen
Die älteren Hunde vernachlässigen manchmal die Körperpflege. Nicht, dass sie auf Reinlichkeit keinen Wert legen oder das Säubern vergessen. Meist sind sie nicht mehr fähig zu den fast artistischen Verrenkungen, die erforderlich sind, um alle Körperregionen erreichen zu können. Auch bei ihnen verliert die Wirbelsäule ihre Biegsamkeit, Bänder und Sehnen kneifen und die Gelenke zwicken.

Dann empfiehlt sich mit dem ältlichen Hausgenossen der Gang zum Tierarzt. Die Gerontologie leistet heute auch in der Veterinärmedizin recht viel. Therapien und Arzneien für bzw. gegen typische Altersbeschwerden wie Gelenkverschleiß und Rückenschmerzen, Durchblutungsstörungen und Herzprobleme stehen auch für den Hund zur Verfügung.

Insgesamt ist festzustellen, dass alles, was es an medizinischen Möglichkeiten beim Menschen gibt, auch beim Hund anwendbar ist. Manchmal stehen dem nur die Kosten im Wege. Tiere sind in der Regel Privatpatienten. Allerdings sollte man nicht nur den finanziellen, sondern auch den ethischen Aspekt im Auge behalten.

Dazu gehört unbedingt die Frage: Ist es wirklich zum Wohle des vierbeinigen Patienten? Man muss nicht alles Machbare machen. Das längste offiziell dokumentierte Hundeleben führte in Australien der Schäferhund "Bluey", der 1910 zum Bauern Les Hall kam. Dessen Schafe und Rinder hütete er 20 Jahre lang, bis er 1939 eingeschläfert werden musste. Folglich wurde er 29 Jahre alt. Aber wie alle Rekorde muss auch dieser nicht ewig gelten. Warum sollte nicht gerade unser Hund ihn brechen?

HUNDEJAHRE
Verbreitet ist die Faustregel, dass ein Menschenjahr etwa sieben Hundejahren gleichzusetzen ist. Sie trifft allerdings nur für den Hund mittleren Alters zu. Für den Junghund greift sie zu kurz und für den alten Hund zu weit. Ein einjähriger Labrador ist sehr viel weiter entwickelt als ein Kind im zweiten Schuljahr. Und es dürfte nicht ganz einfach sein, einen fortgeschrittenen Rentner von 84 Jahren zu finden, der so fit ist wie ein 12-jähriger Rauhhaardackel.

Wenn solche Zahlenspiele überhaupt sinnvoll sind, muss man sie etwas variieren: Das erste Lebensjahr des Hundes ist mit 14, das zweite mit 7 und dann jedes weitere mit 5 Jahren zu rechnen. Danach wäre der erwähnte Labrador einem pubertierenden Jüngling gleichzusetzen, eine zweijährige Pudeldame wäre voll erwachsen und der 12-jährige Dackel käme gerade ins Rentenalter.

Das entspricht den tatsächlichen biologischen Gegebenheiten ziemlich genau. Allerdings gibt es zwischen den Rassen und Schlägen Unterschiede. Grundsätzlich ist die Lebenserwartung umso geringer, je größer die Rasse ist. Riesen wie Doggen oder Irische Wolfshunde werden kaum zehn Jahre alt. Winzlinge wie Yorkshire Terrier oder Zwergpudel sind gar nicht selten 15 Jahre oder noch älter, ohne dass man ihnen dies ansieht.

Artikel erschienen in "LandLust" Ausgabe 11/12-2008
Text: Dr. Michael Brackmann
Fotos: Regina Kaute (4), Tierschutzverein Dülmen (3)

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